Tag 1

Es wird schlimm, habe ich gehört. Fast ein Jahr Pause, Elternzeit, Bullerbü – und dann starrst du das leere Blatt Papier an und schwörst: es starrt zurück. Und zwar ohne mit der Wimper zu zucken, während deine eigenen Lider flattern und die Finger die Buchstaben nicht mehr treffen, als sei die Tastatur geschrumpft, als sei es unmöglich, eine einzelne Taste zu erwischen, geschweige denn, die angepeilte. Das erste Buch: schlimm. Das zweite Buch: noch schlimmer. Dazwischen: Baby, Eingewöhnung – mehr für die Eltern als fürs Kind – schlimmschlimmschlimm. Vielleicht besser gleich übers zweite nachdenken, gar nicht erst wieder mit was anderem anfangen, schon gar nicht mit dem Rauchen, und dann die Frage: geht das denn überhaupt mit dem Schreiben, ohne zu rauchen?

Die erste Stunde ohne Kind: komisch. Nur auf dem Sofa sitzen und sich über die Stille wundern. Dann kommen mehr von diesen Stunden, und man will erstmal gar nicht arbeiten, man will: in Ruhe kochen, in Ruhe essen, schlafen, Filme sehen, in Ruhe telefonieren, eigentlich egal was, Hauptsache in Ruhe.

Es dauert ein bisschen, bis ich es schaffe, mich vor das leere Blatt Papier zu setzen. Ich starre es an, aber bevor ich das richtig getan habe, bevor ich Vermutungen über seine Beschaffenheit wie Oberfläche und Grammzahl hätte anstellen können, ist es schon nicht mehr leer. Es geht ganz von selbst, noch nicht zielgerichtet, ich stelle fest: ich kann machen, was ich will, neue Personen, neue Handlung, neue Sprache, neuer Stil, was ich will! Und ich lasse mich nicht bremsen von den Bemerkungen der letzten Monate, von Literaturkritik, was Texte gerade für Themen haben sollten oder müssen, wie politisch, extravagant, neu oder was sie sein müssen, um relevant zu sein, ich will nur zu der Geschichte, die sich seit ein paar Monaten oder gar Jahren immer mal wieder blitzlichtartig in meinen Kopf schaltet, die Leute kennenlernen, mehr über sie herausfinden, sie begleiten, ein Stück weit. Ich bin wieder da.