Tick, tack, tick, tack

Tick, tack, tick, tack

Meine Küchenuhr habe ich schon sehr lange. Sie stammt vom Flohmarkt, eine Junghans mit rundem Glasfenster zum Öffnen, wenn man die Zeiger verstellen möchte. Sie tickt laut und keck, hat einen Sound, mal tickt sie im Takt zu einem Lied aus dem Radio mit, mal konsequent dagegen. Um diese frühe Uhrzeit des Tages, wenn die meisten noch schlafen, da macht sie ihren eigenen Rhythmus, wirkt atemlos, froh darüber, sich an niemanden halten zu müssen. Sie hat mir schon oft die Stille am Morgen gefüllt, wenn ich mit Kaffee (und irgendwann waren es mal Zigaretten dazu) an meinem Rechner sitze und versuche, mich in die Geschichte, die ich schreibe, hineinzuspüren. Das geht am besten am Morgen, wenn noch nichts passiert ist, noch niemand mit mir gesprochen hat, der Tag noch träge irgendwo am Horizont herumlungert.

„Tick tack tick tack tick tack“ – mein Gehirn wandelt die Wörter, die mein Kind benutzt, automatisch um. „Uhr – die uhr“, denke ich. So wird es von jetzt an immer sein, das Kind ist immer bei mir. Selbst vergangene Woche, als ich vier Tage allein am Meer war, um zu schreiben (das erste Mal seit 1,5 Jahren mal wieder richtig allein), war es immer einer der ersten Gedanken am Morgen. Ein Gruß, den ich losgeschickt habe, ein Telefonat, oder einfach die innere Gewissheit, von nun an nie mehr richtig allein zu sein. Ich habe Bildgrüße per Mail geschickt, jeden Tag merhrere. Bilder von mir – im Hintergrund aber immer etwas, wovon ich wusste, dass das Kind es erkennt und sich darüber freut: Ticktack, Stern, Löwe, Hund, Lampe, Miau.

Hätte man mir das vorausgesagt, ich hätte es nicht geglaubt. Weil ich es mir nicht vorstellen konnte. Die Dimension des Ganzen. Die Schlaflosigkeit. Die Sorge. Die Unsicherheit. Die Kraft des Lachens. Krokodilstränen. Bebende Lippen. Sich emporreckende Arme. Der Zauber von Wörtern. Fasziniert höre ich dabei zu, wie es jeden Tag mehr werden. Wie sie aneinandergereiht und Zusammenhänge geknüpft werden. Wie schon wenige Worte eine Geschichte erzählen können: Stern, kaputt, Müll, Dududu!

Hätte man mir das vorausgesagt, die Schlaflosigkeit, die Sorge, die Unsicherheit, die Kraft und die Kita-Bazillen – und hätte ich die Dimension des Ganzen verstanden: Vielleicht wäre ich stehengeblieben, hätte innegehalten und mich in meinen Texten vergraben, mit den Händen gewedelt und gerufen: Jaja, später, irgendwann mal.

Die Zeit, die allein für die Texte da ist, ist auf ein sehr überschaubares Maß geschrumpft. Und jetzt, früh am Morgen, allein mit der Uhr und dem Text, könnte nichts besser sein, als zu schreiben mit der Gewissheit, dass da tiefe Atemzüge im Schlafzimmer sich auf den Tag vorbereiten, den sie bald mit offenen Augen und weit geöffneten Armen und einem freudigen „Auf, auf!“ begrüßen werden.

IMG_20160119_062217404

Merken