Und plötzlich hegt man den Wunsch, man könnte beim Gespräch mit der Jetztzeit beherzt den Hörer auf die Gabel knallen

Jetzt ist es passiert. Ich fühle mich nicht mehr nur alt, weil mich ein Halbwüchsiger gesiezt hat, nein, die Zeiten sind vorbei, jetzt ist es amtlich: Ich bin alt.

Nicht, dass man mich falsch versteht. Ich fand das Älterwerden immer ganz okay. Ich fand super, Dinge allein zu entscheiden. Allein zu wohnen, jeden Tag selbst über das Essen zu bestimmen, ins Bett zu gehen wann ich wollte, niemandem Rede und Antwort zu stehen. Ein Meilenstein war die Erkenntnis, dass ich, wenn ich abends mit Freunden unterwegs war und plötzlich keine Lust mehr hatte, einfach nach Hause gehen konnte ohne das Gefühl, etwas zu verpassen. Die erste Weisheit des Alters!

Offenbar war das alles nur der Auftakt, ein Kokettieren mit dem Begriff des Alt-seins, das lustig war, weil man noch zu jung war, um es wirklich ernst zu nehmen. Jetzt aber verbirgt sich etwas anderes hinter dem „Ich fühle mich alt.“ Ich fürchte, es ist das Gefühl, dass die Welt einen langsam aber sicher abhängt. Man kommt nicht mehr mit, man kapiert nicht, worüber die Jüngeren reden, und bevor man sich die Blöße gibt, das zuzugeben, winkt man lieber ab und sagt, dass man sich dafür nicht interessiere und man früher auch ohne all das ausgekommen sei. Bei meinen Eltern war es das Smartphone, bei meinen Großeltern der Videorecorder, bei meinen Urgroßeltern vielleicht der Klettverschluss.

Bald bin ich zu Gast in einem Oberstufen-Deutsch-Kurs. Zweieinhalb Stunden haben wir Zeit, ich habe mir Gedanken gemacht, was den Teilnehmern Spaß machen könnte, den Lehrer gefragt, was die bisherigen Themen waren. Und der Lehrer hat mir geantwortet. Er klang vorfreudig und enthusiastisch, und wahrscheinlich dachte er sich nichts dabei, als er seine letzte E-Mail schloss mit dem Hinweis, dass es in der Klasse ein internetfähiges Smartboard gebe.

Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich mir zeigen lasse, wie man es benutzt, und den Kurs diesen Text hier lesen lasse. Unter der Gefahr, dass ich mich dumm anstelle – immerhin bin ich danach vielleicht geduldiger meiner Mutter gegenüber, wenn sie mich zum 84. Mal fragt, wie sie mir mit ihrem Telefon eine Nachricht schicken kann und ich ihr sage, dass sie ihr Telefon dazu erst einmal wieder aufladen muss. Vielleicht also ignoriere ich dieses Smartboard einfach, komme mit Zettel und Stift aus, und akzeptiere den Umstand, dass das nur das erste Ding von vielen ist, dessen Nutzen und Benutzung sich mir nicht mehr erschließen wird. Falls etwas im Klassenzimmer steht, das wie eine normale Tafel aussieht, werde ich es vorsichtshalber nicht benutzen. Ich bin schon einmal daran gescheitert, als ich in einem Universitätskurs vergeblich nach dem nassen Schwamm suchte, um die Kritzeleien einer vorherigen Stunde zu entfernen. Ich habe sechs gedruckte Bücher in der Tasche, vermutlich reicht das schon, um altmodisch zu wirken.